Beginn des menschlichen Lebens


Der Zeitpunkt des Beginns des menschlichen Lebens ist nach wie vor Diskussionspunkt von Biologen, Philosophen, Theologen und Juristen. Lässt sich aus biologischer Sicht die Entwicklung eines Menschen von der Verschmelzung von Eizelle und Samenzelle über das Mehrzellstadium, die Wanderung in die Gebärmutter mit folgender Einnistung in die Schleimhaut, die Entwicklung embryonaler Stadien bis hin zum Geborenen naturwissenschaftlich noch nachvollziehen, so ist die Frage nach dem genauen Zeitpunkt, ab dem dieses Lebewesen ein Mensch ist, nach wie vor nicht exakt festlegen und ist daher heftig umstritten:

Philosophische Sichtweisen:

Philosophisch gesehen spricht vieles für den Beginn des Lebens des Menschen mit der Verschmelzung von Eizelle und Samenzelle, vor allem aus der Sichtweise der Potentialität. Danach gibt es für eine befruchtete Eizelle nur eine Entwicklungsmöglichkeit hin zu einem Menschen, es kann nichts anderes daraus entstehen. Kritiker dieser Sichtweise verweisen jedoch darauf, dass nur aus weniger als 50% befruchteter Eizellen wirklich ein Mensch entsteht, verursacht durch unterschiedliche Bedingungen in der Gebärmutter mit der Möglichkeit des Absterbens der Leibesfrucht. Ein weiterer Grund zur Diskussion ist die Tatsache, dass sich erst in einem sehr frühen Embryonalstadium (Embryoblast) Formen einer Placenta und einer Nabelschnur ausbilden, was für die weitere Entwicklung unumgänglich ist. Hat sich der Embryo eingenistet und hat auch die notwendige Versorgung durch den Anschluss an das Blutkreislaufsystem der Mutter stattgefunden, so ist die Irreversibilität der weiteren Entwicklung voll gegeben.
https://www.bka.gv.at/DocView.axd?CobId=6415 (S 32-34)

Theologische Sichtweisen:

Von theologischer Seite gibt es konfessionsabhängig doch auch unterschiedliche Ansichten bezüglich des Beginns des Lebens. Die katholische Kirche sieht den Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle als Beginn der Personwerdung und dem Besitz einer Geistseele.
http://sciencev1.orf.at/science/koertner/84865
Dies vermittelt der Zygote den vollen Umfang des Personenstatus und damit der Menschenwürde. Dieser Ansatz scheint wohl für die in vivo Situation größere Akzeptanz zu finden, ist aber bei in vitro „erzeugten“ Zygoten vielerorts abgelehnt, da hier ohne Gebärmutter der befruchteten Eizelle die Potentialität und Kontinuität wegen „Lebensunfähigkeit“ abgesprochen wird.
Die beiden anderen monotheistischen Religionen, das Judentum und der Islam sprechen dem werdenden Leben erst nach 40, respektive 120 Tagen den Wert menschlichen Lebens zu, was zur Folge hat, dass in diesen Kulturkreisen der Umgang mit Embryonen sehr liberal gehandhabt wird, d.h. dass insbesondere die jüdische Lehrmeinung die Embryonalforschung oder PID ohne größere Bedenken zulässt. Im Anschluss an diese Phase ist der Schutz menschlichen Lebens jedoch sehr restriktiv und Schwangerschaftsabbrüche sind nicht mehr erlaubt.

Die sehr strenge und restriktive Haltung der christlichen Theologie bezüglich des Lebensschutzes und der PID sowie PND hat nicht nur rein exegetische Ursprünge: auch die furchtbaren Erfahrungen der Selektion menschlichen Lebens während des Nationalsozialismus sorgen noch heute dafür, sehr kritisch auf die Embryonalforschung zu blicken.
http://www.deutschlandradiokultur.de/wann-beginnt-menschliches-leben.1278.de.html?dram:article_id=192726
http://www.ovula.de/Ich_will_schwanger_werden

Juristische Sicht:

So unterschiedlich die theologischen Sichtweisen zum Lebensbeginn sind, so unterschiedlich ist diese juristische je nach Schwangerschaftsalter: So wird in Österreich der Schwangerschaftsabbruch erst ab der Nidation in die Gebärmutterschleimhaut als Abtreibung gesehen, der Embryo gilt also für ca. 9 Tage strafrechtlich als nicht schützenswert. Auch nidationshemmende Verhütungsmethoden wie die Hormonspirale oder die „Pille danach“, welche die Nidation verhindern, werden nicht als Abtreibung angesehen. Die sogenannte „Abtreibungs-Pille RU 486“ oder Mifegyne, welche bis zum 49. Tag der Schwangerschaft angewandt wird fällt unter den §96 StGB, es wird hier also von Abtreibung gesprochen. Der Schwangerschaftsabbruch fällt in der Zeit bis zum 3. SSM nach wie vor unter den Tatbestand der Tötung (§97 Abs. 1), ist in Österreich jedoch unter Straffreiheit gestellt.
http://www.imabe.org
Weiter zulässig ist in Österreich ein Schwangerschaftsabbruch auch nach dem 3. Monat bei sogenannten eugenischen Indikationen, d.h. bei Gefahr für das Leben der Schwangeren oder der großen Gefahr einer geistigen oder schweren körperlichen Behinderung. Vollen strafrechtlichen Schutz besitzt das Kind erst ab dem Beginn der Eröffnungswehen, von diesem Zeitpunkt an darf keine Tötung mehr durchgeführt werden.

Diese sehr unterschiedlichen Ansatzpunkte bzw. Festlegungen des Lebensbeginnes – je nach Sichtweise oder Position des Betrachters – eröffnen zusammen mit einem starken Wandel der heutigen Gesellschaft einen immer freizügigeren Umgang mit dem wachsenden menschlichen Leben. War es in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Legalisierung der Abtreibung bei Einhaltung der Fristenlösung, so kamen in den folgenden Jahren mit dem rasanten Wissenszuwachs und vor allem den neu entdeckten und entwickelten medizinischen Möglichkeiten immer mehr Einflüsse auf die Phase des Lebensbeginnes zu:

Waren es anfangs nur äußerlich angewandte Untersuchungsmethoden wie der Ultraschall, der Einblick in die Entwicklung des Embryos / Fetus ermöglichte, so wurden in den 90er Jahren immer mehr labormedizinische Testverfahren zur Erkennung von Erkrankungen und Behinderung eines Kindes entwickelt. Parallel dazu etablierten sich auch viele invasive medizinische Methoden sowohl in der Fortpflanzungsmedizin wie der IVF (In vitro Fertilisation) als auch in der pränatalen Diagnostik/Screening von genetisch bedingten Erkrankungen und/oder Behinderungen.

IVF-Problematik:

Bei der IVF ist nach wie vor die „Produktion“ mehrerer befruchteter Eizellen in der Petrischale, welche nicht benötigt, und somit verworfen oder tiefgekühlt aufbewahrt werden, ein ethisches Problem. Zusätzlich werden aufgrund der niedrigen Erfolgsrate einer einzelnen IVF von nur 25% 4-5 Embryonen „benötigt“ um zur erfolgreichen Geburt eines Kindes zu gelangen. Je nach philosophischer, ethischer oder theologischer Sichtweise wird dieses frühe Embryonalstadium wie oben dargestellt sehr unterschiedlich hinsichtlich der Frage bewertet, ob es sich hierbei schon um einen Menschen handle oder nicht.
Zusätzlich besteht von Seiten einiger Wissenschaftler angeblich der immanente Bedarf an derartigen überflüssigen Zellen um Forschung an humanen, embryonalen Stammzellen durchführen zu können. Diese Sichtweise wird jedoch keineswegs von allen Stammzellforschern geteilt, es scheint sogar eher unwahrscheinlich, dass humane embryonale Stammzellen überhaupt in der Humanmedizin ohne große Gefahr, wie etwa maligner Tumorbildung, eingesetzt werden können.
Wiener Medizinische Wochenschrift 08/2008; 158(17):493-502.

PID-Problematik:

Neben der nun seit vielen Jahren bereits praktizierten Technik der IVF, welche bisher nur heterosexuellen Paaren mit Kinderwunsch, welcher auf natürlichem Wege nicht erfüllt werden kann, offen stand, scheint nun das geplante neue Fortpflanzungsmedizin-Gesetz mit 2015 einen völligen Dammbruch im Einsatz der pränatalen Forschung und Therapie sowie der IVF zu bringen.
Durch die Pränataldiagnostik und Präimplantationsdiagnostik werden einerseits behandelbare Erkrankungen (z.B. Herzfehler, Stoffwechselerkrankungen) frühzeitig erkannt, sodass gezielte therapeutische Maßnahmen zum frühest möglichen Zeitpunkt angeboten werden können. Andererseits eröffnen sie jedoch auch die Möglichkeit, etwaige Erbkrankheiten (z.B. Trisomie 21) zu erkennen und die Zygoten danach zu selektionieren, was bereits zu einer stark rückläufigen Geburtenzahl von Kindern mit Trisomie 21 (Down Syndrom) geführt hat. Immer mehr scheint auch eine durchaus willkürliche Selektion von Embryonen und damit von heranwachsenden Menschen nach frei gewählten Kriterien möglich (Designerbaby). Diese medizinischen Möglichkeiten werden – wenn auch anfangs eher restriktiv freigegeben – vermutlich in den kommenden Jahren Schritt für Schritt ausgeweitet und missbraucht werden, wie bei ähnlichen derartigen Gesetzgebungen schon mehrfach beobachtet.

IVF-Methoden bei homosexuellen Partnerschaften:

Durch die Änderung des Fortpflanzungsmedizin-Gesetzes soll auch die Anwendung/Einsatz der IVF bei homosexuellen Paaren ermöglicht werden, wodurch die Entstehung menschlichen Lebens völlig vom natürlichen Akt der Zeugung entkoppelt wird und dem wachsenden Menschen sein ihm gesetzlich zugesagtes Recht auf Vater und Mutter genommen. Dieses Vorgehen muss nicht nur aus biologischer-naturwissenschaftlicher, sondern auch aus rechtlicher Sicht massiv hinterfragt werden. Das Recht auf Vater und Mutter ist in der UN Kinderrechtskonvention, welche rechtlich als binden gilt, festgelegt. Sie gilt für alle Menschen die noch nicht volljährig sind. Dieses Recht wird derartigen, künstlich „erzeugten“ Kindern genommen. (UN Kinderrechtskonvention) https:// www.unicef.at/Kinderrechte

Immer mehr scheint sich die Medizin zu einem Dienstleistungsgewerbe zu entwickeln, welches ohne jegliche ethischen oder moralischen Hemmungen alles rein technisch Mögliche auf dem „Markt“ anbietet.

Sicht des „Salzburger Ärzteforums für das Leben“ zur Frage des Lebensbeginnes:
Angesichts der Komplexität der Materie, der Vielzahl der sich ergebenden ethischen Probleme bei einer willkürlichen Festlegung des Lebensbeginns auf eine spätere Embryonalperiode, können wir als Ärzteforum unter Abwägung aller differenzierten Sichtweisen den Lebensbeginn nur mit Verschmelzung der Ei- und Samenzelle ansehen. Wir sehen dies in der Tatsache begründet, dass der Embryo sich nicht zum Menschen entwickelt sonder als Mensch. Die Entwicklung des Embryos erfolgt von Anfang an von sich heraus, ohne dass es ein Gehirn oder einen Herzschlag bräuchte. Schon Aristoteles bezeichnete die „Seele“ als das Phänomen der Selbstbewegung und so wächst, lange bevor Organe sich entwickelt haben, ab der Vereinigung von Ei und Samenzelle ein Mensch mit Leib und Seele heran – von sich heraus, ohne äußeres Zutun.
Wir vertreten daher die klare Auffassung, dass sich der Embryo nicht zum Menschen entwickelt, sondern ab der Zeugung als Mensch verschiedenste Entwicklungsstufen durchläuft. Daher wohnt ihm aus unserer Sicht auch von Beginn (= ab der Zeugung) die uneingeschränkte menschliche Würde inne und steht ihm ein umfassender Schutz zu.